Bauern satteln um und erzeugen Energie

Von Franz Herz

Reinhardtsgrimma. Die Agrargenossenschaft setzt in Zukunft auf die Produktion von Strom und nicht mehr von Milch.

Die Diskussionen waren hart in der Agrargenossenschaft Reinhardtsgrimma. „Es war nicht einfach, ehe wir zu einem Entschluss kamen“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Siegmar Bräunert aus Hausdorf. „Wir waren immer ein Milchviehbetrieb und an der Milchproduktion hängen ja auch Arbeitsplätze.“

Aber die Zahlen waren eindeutig. Andreas Becker, der Geschäftsführer, sagt: „Wir haben es überschlagen. Der Betrieb machte mit der Milchproduktion jeden Monat hohe Verluste.“ Deswegen beschloss die Generalversammlung vor einigen Tagen, aus der Milchproduktion völlig auszusteigen. „Der Schritt ist nicht leicht. Aber damit stärken wir die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens“, sagt Becker.

Die 310 Milchkühe und 270 Jungrinder werden bis Ende des Jahres verkauft. Sechs Mitarbeiter verlieren damit ihren Arbeitsplatz. Und der Jungviehstall an der Gartenstraße in Reinhardtsgrimma wird geschlossen.

„Wir hätten sehr viel investieren müssen, um die Milchproduktion wirtschaftlich zu gestalten“, sagt Becker. Die Voraussetzungen dafür waren nicht günstig. Das liegt auch an der Trennung der Pflanzen- und der Tierproduktion in der DDR-Zeit. Der Milchviehstall steht auf der Ostseite des Dorfes, die Futtersilos stehen auf der Westseite. „So mussten wir immer das Futter durch den ganzen Ort fahren“, schildert Bräunert. Außerdem wäre ein Stallausbau am jetzigen Standort nicht einfach gewesen, weil er nah an der Wohnbebauung steht. Dazu kommt noch, dass derzeit die Milchpreise niedrig sind.

Ein Punkt erleichtert die Entscheidung: Reinhardtsgrimma hat eine günstigere Lage im Erzgebirgsvorland als die Betriebe weiter oben im Gebirge. Er hat Alternativen, die Betriebe mit größerem Grünlandanteil nicht haben. Um Grünland zu nutzen, müssen Tiere gehalten werden. Da bleibt oft nur die Milchproduktion. Auch auf den 1 100 Hektar, die der Reinhardtsgrimmaer Betrieb bewirtschaftet, gibt es Ecken, die nicht als Acker genutzt werden können. Um diese zu bewirtschaften, will die Genossenschaft eine Mutterkuhherde aufbauen. Etwa 300 Muttertiere werden im Sommer auf den Weiden stehen und im Winter in Hirschbach und in der jetzigen Milchviehanlage untergebracht.

Außerdem errichtet der Betrieb als zweites wirtschaftliches Standbein eine Biogasanlage neben dem Getreidelager in Reinhardtsgrimma. Hier werden nachwachsende Rohstoffe zu Strom und Gülle verwandelt. „Auf 275 Hektar bauen wir nachwachsende Rohstoffe an, Silomais oder Getreide, das in Ganzpflanzen-Silage genutzt wird“, sagt Becker. „Diesen Monat beginnt die Planung der Anlage, im Frühjahr 2006 soll der Bau beginnen und im Oktober 2006 soll sie fertig sein“, beschreibt er den Zeitplan. Sie besteht aus drei Behältern: Fermenter, Nachgärung und Endlager. Die Kosten für die Investition werden auf 1,5 Millionen Euro geschätzt. Im Jahr soll die Anlage 3,9 Millionen Kilowattstunden Strom in das Netz der Esag einspeisen. Von den Pflanzen bleibt Gülle übrig, wenn sie vergoren sind und ihr Methangas abgegeben haben.

Dieses Gas wird in einem Motor genutzt, der einen Generator antreibt. Die Wärme, die dabei entsteht, nutzt die Agrargenossenschaft im eigenen Betrieb. Sie wird bei der Getreidetrocknung eingesetzt und zur Heizung. Bedenken, dass es stinkt, teilt Becker nicht. „Das darf nicht riechen. Denn das bedeutete, dass irgendwo Gas entweicht. Sprich, wir haben Verluste,“ erklärt er.

Reinhardtsgrimmas Bürgermeister Markus Dreßler (CDU) sagt: „Es ist schade, dass hier Arbeitsplätze verloren gehen. Aber die Genossenschaft muss ja auch wirtschaftlich denken. Besser, sie macht diesen Schritt, als insgesamt in Gefahr zu geraten.“

Sächsische Zeitung 23. Juli 2005

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