Elektronentanz im Sonnenstrahl
Der Tag der erneuerbaren Energien hat sich etabliert - Zahlreiche Solaranlagen liefern Freibergern sauberen Strom
Freiberg. Die Zeit der Dinosaurier unter den Energieträgern läuft aus. Öl hält noch 36 Jahre, Gas zirka 60 Jahre, Kohle vielleicht noch 120 Jahre, schätzt Timo Leukefeld, ein Unternehmer aus Freiberg, der für sein Engagement im Umweltbereich 2001 den Deutschen Solarpreis erhielt.
Am Wochenende fuhr er Besucher durch Freiberg, um zu zeigen, wie die Welt nach dem Untergang der Dinos aussehen könnte. Anlass war der Tag der erneuerbaren Energien, der nun schon zum achten Mal deutschlandweit begangen wurde und seinen Ursprung im erzgebirgischen Oederan hatte. Mitarbeiter wollten 1996 zum zehnten Jahrestag des Atomreaktor-Unglücks von Tschernobyl ein Signal setzen und organisierten eine Reihe von Veranstaltungen, in denen die Kommune und verschiedene Unternehmen der Öffentlichkeit zeigten, wie es sich auch ohne Atomkraft und mit weniger fossilen Energieträgern leben lässt.
Inzwischen hat sich der Tag der erneuerbaren Energien etabliert. Wie in Freiberg fanden in vielen anderen deutschen Städten Veranstaltungen statt, auf denen Solaranlagen, Wind- und Wasserkraftwerke oder kleine, biologische Kläranlagen vorgestellt wurden. In Freiberg führte Leukefeld zusammen mit dem gleichfalls solarbewegten Unternehmer Stephan Riedel aus Dresden die Besucher zu den Stätten der Sonne, von denen es in der Bergstadt bereits etliche gibt. So glitzert es blau von den Fassaden der Deutschen Solar AG. Zehn mal zehn Zentimeter kleine Blättchen wurden tausendfach zu einer 125-Kilowattpeak-Anlage aneinandergereiht. Kilowatt peak bezeichnet die potenzielle Spitzenleistung unter bestimmten Bedingungen. Das Kraftwerk der Solar AG saugt so viel Licht auf, dass es unter optimalen Bedingungen jährlich 125.000 Kilowattstunden Strom produzieren könnte. Aber auch wenn das Sonnenjahr weniger günstig ausfällt, können damit noch immer mehrere Dutzend Familien versorgt werden. Und das ohne Lärm und ohne ein Gramm Gift in die Umwelt abzugeben.
Riedel, der sich - wie Leukefeld - in dem Freiberger Verein Initiative für regenerative Energien in Sachsen engagiert, erklärte, wies funktioniert: Lichtteilchen treffen auf Silicium, das Material, aus dem die Solaranlage produziert wurde. Diese Teilchen lösen den Fluss der Elektronen im Silicium aus - das ist der Strom, der unsere elektrischen Geräte antreibt.
Wärme wird für den so genannten photovoltaischen Prozess nicht gebraucht. Deshalb funktionieren die Sonnen-Kraftwerke auch bei Eiseskälte im Winter. Hauptsache, die Sonne ergießt möglichst intensiv ihr Licht auf die blauen Blättchen.
Nicht ganz so groß sind die Bürgerkraftwerke in Freiberg, an denen zahlreiche Privatleute aus Freiberg und Umgebung Anteile erworben haben. Eines davon liegt auf dem Dach der Clemens-Winkler-Schule, das andere schmückt das Konzerthaus Tivoli, bekannt durch die Puhdys, die hier jedes Jahr ihr Geburtstagskonzert geben und die ebenfalls einen Anteil an dem Kraftwerk gekauft haben. Beide Kraftwerke zusammen laufen mit einer Leis tung von knapp 60 Kilowattpeak.
Aber nicht nur das Licht, sondern auch die Wärme der Sonne lässt sich nutzen. Interessantes Beispiel dafür ist in Freiberg die Königlich Sächsische Schrotgießerei. Einst wurden hier Kugeln für den Krieg gegossen, heute beherbergt das Haus ein paar private Wohnungen und ein Fitness-Studio. Auf der Dachgaupe liegt das Solardach, das diesmal keinen Strom produziert, dafür aber warmes Wasser, mit dem die Heizung des Hauses und die Warmwasseranlage betrieben werden. Auch hier ist das Prinzip der Energienutzung denkbar einfach und sauber, wie Leukefeld erklärte: Unter schwarzem Kupferblech liegen zahlreiche Röhrchen. Durch die Gefäße fließt ein Kühlmittel. Indem die Sonne auf das Kupferblech scheint, wärmt sich das Kühlmittel auf eine Temperatur von etwa 90 Grad auf und kann nun für die Erwärmung von Heizung und Wasser genutzt werden. Seit die Anlage in Betrieb ist, sei der Gasverbrauch im Haus um 20 Prozent gesunken, so Leukefeld. Das macht 2,5 Tonnen weniger CO2-Ausstoß im Jahr!
Von Johannes Fischer, Freie Presse, 27.4.2003
