Energiewirtschaft und Landschaftswahrnehmung
Resumée der Diplomarbeit "Energiewirtschaft und Landschaftswahrnehmung"
Ein Kommentar von Christian Moll
Die erneuerbaren Energietechnologien sind auf dem Vormarsch. Ein Symbol für den Technologiewechsel stellen beispielsweise Windkraftanlagen dar. Der Boom in der Windbranche hat eine teilweise kontroverse Diskussion um diese Technologie entfacht. Neben sehr vielen Befürworten gibt es auch Gegner, wie z.B. im Schwarzwald. Dass neue, moderne Windkraftanlagen die Landschaft verändern, ist richtig. Die optische Wirkung der Anlagen ist jedoch keine Rechtfertigung für Verhinderungspolitik auf veschiedenen politischen Ebenen. Windkraftanlagen sind ein neuer visueller Aspekt in der Landschaft, an den sich viele Menschen noch nicht gewöhnt haben. Ist die Alternative, sich an Ölkatastrophen, radioaktive Unfälle und weggebaggerte Dörfer im Ruhrgebiet oder in der Lausitz zu gewöhnen? Solche massiven landschaftlichen Veränderungen über Quadratkilometer hinweg sind nur einige der Folgen der fossilen-nuklearen Technologien. Viele Katastrophen, die die Landschaft erheblich beeinflussen, ereignen sich weit weg, man ist nicht unmittelbar betroffen. Kann man sie deshalb hinnehmen?
Die Diskussion um die Windkraft und deren optischer Wirkung sollte angesichts dieser Auswirkungen hinfällig sein. Sie wird aber auch falsch geführt. Wenn Windkraftgegner ständig von "Landschaftsverschandelung" und "Heimatverlust" sprechen, muss man ganz deutlich sagen, dass ein Mensch eine Landschaft nicht nur mit dem Sehsinn wahrnimmt. Gehör-, Geruchs-, Tast-, und Geschmackssinn sind ebenso wichtig. Nur mit allen fünf Sinnen lässt sich die Landschaft als Ganzes wahrnehmen. Windkraft riecht nicht, und Lärmemissionen sind bei modernen Anlagen nicht mehr von Bedeutung. Windkraft zerstört auch keine Heimat! Wenn jemand von "Heimatverlust" sprechen darf, dann alle, die dem Braunkohletagebau weichen mussten und zwangsumgesiedelt wurden.
Oder wie ist die Vorstellung, dass das Land, auf dem Sie aufgewachsen sind, für Tausende von Jahren radioaktiv verseucht ist. Denken Sie an Tschernobyl, aber auch an die Ureinwohner in Kanada und Australien, die durch den Uranabbau ihre Heimat verloren haben. Schließlich werden deutsche Atomkraftwerke mit diesem Uran betrieben. Selbst im eigenen Land, in Thüringen und Sachsen - weit genug weg vom Schwarzwald - hat die Wismut AG früher eine der weltgrößten Uranabbaustätten betrieben. Die Uranabbaugebiete der Wismut AG werden immer noch "ordnungsgemäß saniert". Würden Sie sich in dieser Landschaft wohl fühlen? Radioaktivität kann man nicht riechen. Aber die Folgen kann man über Generationen hinweg sehen und spüren.
Windkraft verschandelt die Landschaft nicht. 500.000 km Stromleitungen in Deutschland verschandeln die Landschaft. Nimmt Sie überhaupt noch jemand wahr, wenn er durch unser Land reist? Die Windkraftanlagen sind keine modernen Feindbilder unserer Zeit, auch wenn die Schwarzwälder Don Quijotes einen das glauben machen wollen. Sie sind eine Chance für eine saubere Energiewende, ebenso wie die anderen erneuerbaren Energietechnologien auch.
So mancher Schwarzwaldbauer ist in der heutigen Zeit froh über das Geld, das er mit seiner Windkraftanlage oder seiner Biogasanlage verdienen kann. Der Einsatz der erneuerbaren Energien ist vielleicht die einzige Möglichkeit, den Hof dauerhaft zu erhalten. Die Energieproduktion verleiht den Bauern auch ein neues Selbstwertgefühl. Schließlich können sie sich selbst und andere mit Energie versorgen und sich somit von den großen Stromkonzernen unabhängig machen.
Neben der Windkraft müssen verstärkt die Biomasse und Geothermie ausgebaut werden. Hier liegt noch ein großes Potenzial, vor allem in der süddeutschen Region. Auch Fotovoltaikanlagen müssen in noch größerem Stil produziert werden, damit sie für jedermann erschwinglich werden. Auf den Dächern in Deutschland ist Platz genug. Bei der Wasserkraftnutzung ist das größte Potenzial schon erreicht, kleinere Anlagen könnten jedoch, unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte, weiter ausgeschöpft werden.
Wenn Energie dezentral und in kleinen Strukturen produziert wird, sind Auswirkungen auf die Landschaft am verträglichsten. Die fatalen räumlichen und gesundheitlichen Folgen der fossil-nuklearen Technologien werden der Vergangenheit angehören. Nicht nur für den Erhalt unserer Kulturlandschaft ist es wichtig, einen Mix aus allen regenerativen Energietechnologien einzusetzen.
Quelle: Die SolarRegion 2/2003
Studie Windenergie und Tourismus
