Sonne lässt sich nicht privatisieren
Hermann Scheer sieht auch Chance für Ostdeutschland
Rund 100 Bürger aus Görlitz und Umgebung hatten sich am Freitagabend im großen Saal des Wichernhauses eingefunden. Sie folgten der Einladung der Solarinitiative in der Euroregion Neiße-Nisa-Nysa (Sinn e. V.) und des Kreisverbandes Görlitz von Bündnis 90/Die Grünen, um über erneuerbare Energien und den Aufschwung Ost zu diskutieren. Dazu hatten die Veranstalter mit Dr. Hermann Scheer, der Träger des alternativen Nobelpreises ist, einen Fachmann und SPD-Politiker aus dem Bundestag eingeladen, der die Maßnahmen zum Klimaschutz in Bezug auf die Region erläutern sollte. An Existenzgründer, Landwirte, Vertreter der Wirtschaft, aber auch an all jene, die Interesse an zukunftsorientierten Technologien haben, sollte sich die Veranstaltung wenden.
Von Energiebasis lösen und neue Wege gehen
In wenigen Jahrzehnten sind die Ressourcen der fossilen Energieträger erschöpft, appellierte Hermann Scheer an die Zuhörer. Mit Verspätung war er aus Berlin eingetroffen, so dass er gleich das Wort bekam. Seiner Ansicht nach müsse man sich von der jetzigen Energiebasis lösen und neue Wege beschreiten. Wind, Wasser, Sonne und Bioenergien seien unerschöpflich, und mit Hilfe der modernen Technik würde es große Nutzungsmöglichkeiten geben.
Scheer sprach von einem Energieplan, der die Gesellschaft fesseln muss, von einer kompletten Versorgung durch regionale Potentiale. Auf Energieimporte sollte künftig verzichtet werden. Das eingesparte Geld könne dann wiederum der eigenen Wirtschaft zugute kommen. Dies würde die Weltwirtschaft ändern und damit auch die internationalen Konflikte ersticken.
Noch sei die Umstellung auf eine Energieversorgung durch alternative, natürliche Quellen zu schaffen. Genau hier sieht er auch eine Chance für Ostdeutschland. Der primäre Sektor, die Landwirtschaft, könne für Energie, Nahrungsmittel und Rohstoffe sorgen. In diesen Sektor müsse man investieren.
Ein Mann aus dem Publikum hakte nach, wie Scheer es in der SPD schaffe, solche Vorsätze durchzubringen. Hermann Scheer sehe sich als jemand, der den Anstoß geben kann. Damit würde er in der SPD durchaus nicht allein dastehen. Die finanzielle Grundlage für eine Energieumstellung fehle, und es sei schwer, einen starken Partner zu finden, kommt ein weiterer Hinweis aus dem Publikum. Eine junge Frau fragt nach, ob die Landwirtschaft wirklich von der Vision erneuerbare Energiequellen profitieren kann. Die Arbeitslosigkeit könne damit doch nicht unmittelbar aus der Welt geschaffen werden.
Ein anderer Gast ruft den Motorenentwickler Franz Stelzer ins Gedächtnis, einen gebürtigen Görlitzer, der den Freikolbenmotor entwickelt habe, mit dem bald auch Elektroautos ausgestattet werden könnten. Er bemängelt, dass dieser Innovation zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde.
Ob man zukünftig nicht auch Solarzellen an Windrädern installieren könne, fragt eine ältere Dame. Ja, denn das gibt es bereits, erwiderte Scheer und verwies darauf, dass sich die Bautechnik neu entwickeln werde. So soll es Fenster geben, die Strom erzeugen, genauso wie Schiffswände und Dächer. Die Fülle an technischen Möglichkeiten ist breit, und die regenerativen Energien sind unerschöpflich.
Ostdeutschland müsse den Prozess in die eigene Hand nehmen, forderte der Politiker. Augenzwinkernd fügte er hinzu: Die Sonne ist nicht privatisierbar, die jetzigen Monopolisten der Energiewirtschaft werden noch ein böses Erwachen haben.
Nach der Veranstaltung lobte eine Frau aus Rothenburg Scheers Optimismus. Ich würde mir wünschen, dass solche Vorschläge auch im Landkreis und bei den zuständigen Behörden auf mehr Unterstützung stoßen. Das Unternehmen ihres Mannes lasse seit vielen Jahren Lastfahrzeuge mit Biodiesel auftanken: Da entstehen überhaupt keine größeren Schäden an Motor oder Tank. Und im Vergleich zum üblichen Diesel ist Biodiesel 30 Cent billiger. Wer sagt, dass man nachher nicht wieder den üblichen Treibstoff reinfüllen kann, der irrt sich und ist einfach zu wenig informiert.
Hoch hinaus und in die Zukunft weisend erneuerbare Energien fassen auch in der Region Fuß. Spezialisten aus Salzbergen dirigieren hier am Freitag millimetergenau eines der drei 37,5 Meter langen und 6,5 Tonnen schweren Rotorblätter an den Nabenkopf des achten Windkraftrades zwischen Zodel und Deschka.
Franziska Hoffmann, Sächsische Zeitung (Lokales Görlitz ), 24.02.2003
